Archiv für Januar 2011

Ein Antwortschreiben der „fremden Mächte“ oder: Über Antisemitismus, verkürzte Kapitalismuskritik und die „Truther-Bewegung“

Wir dokumentieren hiermit ein Flugblatt, das anlässlich einer verschwörungstheoretischen Filmvorführung verteilt wurde.

What about
Heute, am 27. Januar 2011, soll im „Kontext“, einem „Freiraum“ zur „Förderung urbaner Jugendkulturen“, der Film „Zeitgeist: Moving Forward“ gezeigt werden.
Der Film vom Regisseur Peter Joseph ist als Fortsetzung des Filmes „Zeitgeist Addendum“, welcher bereits 2008 erschien und dem Film „Zeitgeist“ von 2007, sowie im Rahmen einer weltweit agierenden, und vor allem im Internet präsenten, „Truther-Bewegung“, zu sehen. Die sich zur „Aufklärung“ verpflichtet sehenden und als „Truther“, oder wahlweise auch „Infokrieger“ bezeichneten Gruppen und Einzelpersonen befinden sich in einem vermeintlichen Kampf gegen herbeihalluzinierte Mächte, welche verantwortlich für sämtliches akutes, aber auch historisches, Elend gemacht werden. Jene Mächte, denen aufgrund von pseudowissenschaftlichen „Fakten und Argumenten“ vorgeworfen wird, die „Fäden in der Hand“ zu haben, werden in antisemitischer Manier vor allem in der internationalen Finanzsphäre, den USA und Israel verortet.
Dieser schmale Grad zwischen Verschwörungstheorie und (strukturellem) Antisemitismus gepaart mit einer Prise Geschichtsrevisionismus ist es, was die „Truther-Bewegung“ so attraktiv für reaktionäre Kräfte wie z.B. Neonazis macht.
Doch auch in der vermeintlich linken und alternativen Szene trifft der Film auf Grund seines (pseudo)-gesellschaftskritischen Gestus auf hohen Zuspruch.
Deshalb ist es uns wichtig, aus einer linksradikalen und emanzipatorischen Position heraus, aufzuzeigen, dass es sich bereits bei den Filmen „Zeitgeist: Addendum“ und „Zeitgeist“ um stark verkürzte und gar personalisierende –und in sich falsche- „Gesellschaftskritik“ handelt und der neue Teil wohl kaum besser sein kann…

Zirkulationssphäre ist nur die halbe Miete!

So versucht der Macher von „Addendum“, nachdem im 2007 erschienenen Film „Zeitgeist“ hauptsächlich die Geschichte umgedeutet und verdreht wurde, die Missstände der herrschenden Verhältnisse zu erklären. Die Erklärungen bleiben – ganz dem Weltbild der Truther entsprechend – jedoch weitestgehend oberflächlich und verkürzt: Es werden nur oberflächliche Symptome und Geschehnisse des Kapitalismus, allen voran die Zirkulation von Geld, das Finanz- , Zins- und Kreditwesen thematisiert.
Grundliegende Eigenschaften des Kapitalismus wie die Produktion von Waren, die Entstehung von Gebrauchs- und Tauschwert (einer Ware), den systemimmanenten Zwang zur stetigen Akkumulation von Kapital, aber auch das Verhältnis von Konkurrenz und Arbeit sind im Film mit Unbeachtung gestraft. Dem zu Folge verwundert es auch nicht, dass die Kapitalanalyse des Zeitgeist-Film schlichtweg falsch ist: So wird die Entstehung von Geld lediglich mit dem Vergeben von Kredit und der angeblichen Möglichkeit der Banken Geld „wie aus dem Nichts“ erschaffen zu können, erklärt.
Tatsächlich entsteht (realexistierendes) Geld – also der gesellschaftlich anerkannte und durchgesetzte Wertespiegel aller auf dem Markt befindlichen Waren – in der Produktion von Mehrwert im Produktionsprozess. Erst um diesen Produktionsprozess aufrecht halten oder gar steigern zu können sind Unternehmen auf die Vergabe von Geld als Kredit – welcher durch die Steigerung des erwirtschafteten Mehrwert im Produktionsprozess zurück gezahlt werden soll – angewiesen, was das Finanz- und Kreditwesen als unabdingbaren Teil des Kapitlismus auszeichnet. Im Film „Zeitgeist“ wird bewusst zwischen „guten, schaffenden“ und „bösen, zinsheckenden“ Kapital unterschieden – und sich somit antisemitischer Stereotypen bedient.
Ein weiteres Beispiel für den fälschlichen Gesellschaftsbegriff der „Truther“ ist die Rede zu Beginn des Filmes über eine “radikale Revolution in den Köpfen“. Möchte man die Gesellschaft verändern, so muss man die Menschen verändern. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse werden – unter erneuter Unbeachtung ökonomischer Gesetzesmäßigkeiten – bloß als ideelle Prozesse dargestellt. Dabei ist die kapitalistische Gesellschaft doch viel mehr als nur eine ideelle Vorstellung: Vielmehr bestimmen auch reelle ökonomische Gesetzesmäßigkeiten die Beziehungen von Menschen zueinander.
Würde die Gesellschaft also nur im ideellen, nicht aber auch im ökonomischen Sinne ver- bzw. geändert werden, so wäre dies nicht progressiv, wären die Menschen dann doch nach wie vor systemimmanenten Zwängen unterworfen und gegeneinander in Stellung gebracht.
Außerdem erweist sich der vom „Zeitgeist Addendum“ erbrachte Alternativvorschlag, das „Venus-Projekt“, als aus Fragmenten bürgerlicher Gesellschaft und Ideologie bestehend.
Hier sehen wir: Möchte man die Gesellschaft wirklich zum Guten hin verändern, so bedarf es mehr als nur einer falschen, Bauchgefühl ähnlichen, und noch dazu gefährlichen, weil projizierenden und personalisierenden, „Gesellschaftskritik“. Es muss vielmehr ums Ganze gehen.

Geschichtsrevisionismus wird gemacht!
Auch in dem 2007 erschienenen Film ist es deutlich einsehbar, wessen Geistes Kind der Regisseur bzw. die „Truther-Bewegung“ ist. So wird im Film eine brutale Umdeutung und Verdrehung der Geschichte dargestellt. Es wird beispielsweise behauptet, dass die Terroranschläge fanatischer Islamist_Innen gegen das World-Trade-Center von den USA selbst herbei geführt wurden und die Terrorist_Innen zu Agenten der amerikanischen Regierung, oder der Banken, verklärt. Auch die Schuld am ersten und zweiten Weltkrieg wird den USA zugeschrieben und die Shoa mit anderen Kriegen, die von den USA ausgingen, verglichen. Noch dazu werden die deutschen Nationalsozialist_Innen als von internationalen Banken installiert beschrieben.
Diese Behauptungen verhöhnen – gerade am Tag der Befreiung von Auschwitz- alle Opfer nationalsozialistischer Terrorherrschaft.

…es geht voran!
Natürlich geht es auch im dritten Teil wieder um globale Intrigen, Geld, Kapitalismus, Religion und natürlich: wer an all dem Elend Schuld ist! Schuld ist, oder als Schuldige_r benannt werden muss? Diese nicht ganz so neue Herangehensweise an die immer gleiche Thematik sicherten dem fanatischen Verschwörungstheoretiker Joseph immerhin auch in der Vergangenheit eine wachsende Popularität. Zumal das auch gar nicht so schwer scheint: Er gibt nämlich auf alle Fragen dieselben Antworten.
„Das kann doch kein Zufall sein“ könnte das Leit-Motto der Filme sein, „kein Zufall“ in einer Welt, die sich maßgeblich dadurch auszuzeichnen scheint, dass „verdeckte Mächte“ aus dem Hintergrund agieren und somit nicht nur die Weltherrschaft praktisch inne haben, sondern diese auch noch dazu nutzen die verblendeten Schäfchen der Menschheit zu betrügen und zu geißeln.
Was beim Betrachten der Filme und der hysterischen Reaktionen auf selbige nach einer fanatischen Befreiungsideologie stinkt ist jedoch leider genauso ernst gemeint, wie fundamentalistisch: Problematisch an diesen Filmen ist somit nicht nur, dass sich Joseph mit diesen obszönen Versprechungen als ein neuer „wahrer Messias“, der die Erkenntnis endlich gerecht in der Welt verbreiten wird, stilisiert. Viel schlimmer als die Darstellung der eigenen Vorhaben zur Errettung der Menschheit ist tatsächlich die paranoide Stilisierung von (den immer gleichen) „Feinden“ und Schuldigen. In ihrer penetranten Redundanz beunruhigen die Filme mit denselben Vermutungen und Mythen. Stets geht es um eine okkulte (amerikanische) Macht. Diese Darstellung ist hier jedoch nicht nur der Auswuchs einer antiamerikanischen Fantasie, sondern eine konsequente Replika klassisch antisemitischer Ressentiments. Bis heute halten sich daher nicht nur bei Neo-Nazis, islamistischen Fundamentalist_innen und anderen Antisemit_innen, sondern eben auch bei Josephs Filmen die selben Bilder. Eine Verschwörung, die Schuld an allen Missständen ist und denen zum Trotz nur eine elitäre Clique aus „Eingeweihten“ die „Wahrheit“ sagt. Dieser Aberglaube wird heute nicht mehr unbedingt (aber nach wie vor) „jüdisch“ konnotiert, wie beispielsweise im dritten Reich, sondern als „amerikanisch“, was in „Zeitgeist“ ja mehr als deutlich zum Ausdruck kommt. Dass kaum eine wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung beispielsweise mit Quellen stattfindet ist hier nicht allzu sehr verwunderlich. Joseph nutzt als „Argumentation“ ebenso einfach zusammenhangslos Screenshots und Aussagen von Websites ohne auf deren Kontext oder Herkunft hinzuweisen. Jedoch funktioniert auf diese Art und Weise nahezu jede Verschwörung: es gibt keinen Beweis für die Echtheit der Dokumente, also bleibt nur der paranoide Glaube, an dem sich dann festgehalten werden kann, da er die einfachere Erklärung bietet. Dass diese aber all zu oft nichts mit Ursache und Wirkungsverhältnissen der realen Welt zu tun hat wird dann wiederum der Verschwörung zugeschrieben, die, aufgrund ihrer halluzinierten „Allmacht“, in der Lage ist Beweise zu vernichten und zu unterschlagen, sogar vermeintliche „Aufklärer_innen“ zu unterdrücken und zu töten. So schreibt beispielsweise auch Magnus Klaue:
„In der Paranoia schlägt die an der verkehrten Wirklichkeit irrewerdende Urteilskraft in eine leere Konsequenzlogik um, die in allen Phänomenen, ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit zum Trotz, nichts als unterschiedliche Erscheinungsformen des Immergleichen sieht – des universellen Zwangs, der omnipräsenten Kontrolle, der weltumspannenden Verschwörung.“ (Konkret Nr.11/2010)

Ain’t no sunshine with us!
Dies sind einige Gründe, weshalb wir die Vorführung des Films „Zeitgeist: Moving Forward“ für höchst problematisch befinden. Es ist zu betonen, dass gerade in einem „Freiraum“ in dem jugendliche Kultur gefördert werden soll, ein Film, der es zum Ziel hat, Menschen mit geringen bis kaum vorhandenen Fakten, von einem revisionistischen Umgang mit der Geschichte zu überzeugen, problematisch ist.
Wir fordern die Betreiber_Innen des „Kontext“ auf, sich von dem Film zu distanzieren und einen kritischen Diskurs zu gewährleisten.

Für eine radikale, sich als antifaschistisch verstehende, Linke kann es nur heißen:

Gegen jeden Verschwörungsscheiß – Für den Kommunismus!

In Kooperation antifaschistischer Strukturen Wiesbaden

Veranstaltungshinweis: Samstag//29.01.2011//20.00 Uhr//Haus Mainusch (Mainz): „Entschwörungstheorien“ – Vortrag mit Daniel Kulla.

05.02.2011//ab 22.00 Uhr//Kreativfabrik Wiesbaden: Schall & Rauch – Technoparty der Antifa Wiesbaden.

Am 5. Februar ist schall&rauch in der Krea angesagt. Ihr fragt „Party?“, wir sagen „Techno!“. Wer nach diesem mit Exzess überbrückten Tanzgenerator nicht verfeiert zu Hause im Flur einschläft/aufwacht, hat wohl bereits wesentliches Hörvermögen im Bassbereich eingebüßt. Den Anfang machen die locals st4rscr3am und val pastel. Außerdem dabei ist Adi, bekannt von der laser life, die eine Hälfte des master control program „who like[s] to make you dance AND deloreans!“. Abschließend avancieren lars und mr. alex (slacker house) aus Frankfurt zum bench mark test für euer Tanzvermögen. Konfiguriert eure attitude auf „party on“.

Check: Freudentaumel statt Deutschtümelei